Warum Laufen wir?
- Stella Wolf
- 3. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Wann ist es eigentlich passiert, dass wir uns als Gesellschaft beim Laufen in solche Extreme und weg von der Natur bewegt haben, weg von dem eigentlichen Kern?
Der Verbindung zur Natur und uns. Jeder Swipe, jedes Video, jeder Strava Post -> höher, weiter, schneller. Zwischen den teuersten und besten Laufklamotten, schnelle Brillen, perfektionierte Gel- Zusammensetzungen, unvermeidbare Elektrolytgetränke und Schuhen mit Carbonplatten. Da entsteht gerade eine gefährliche Bewegung und vor Allem Botschaft. Seit wann geht es beim Laufen darum, dass ein Longrun immer 30km ist, dass jedes Rennen eine neue Bestzeit oder direkt ein Ultramarathon sein muss. Wann haben wir uns verloren?

Ich begann zu laufen, mit altem T Shirt, Leggings und dem Wunsch raus zu gehen. Ich wollte einfach in der Natur sein, mich spüren, den Rhythmus meiner Füße, meinen Atem und meinen Herzschlag. Den Wind auf der Haut, die Sonne im Gesicht oder der Regen der einen reinwäscht und das Gefühl von pulsierenden Beinen, nach einer heißen Dusche.
Ich fing mit dem Laufen an um nicht in etwas besonders gut zu sein ( und bei den Werten heutzutage ist das auch kaum möglich für “normale Menschen”). Ich wollte Spaß haben, mich verbessern, neue Orte erkunden, neue Berge und Städte sehen. Und heute?
Heute hab ich schon kein Bock mehr Instagram zu öffnen, zu sehen wie Menschen meinen einfach so mal einen Marathon zu laufen mit gefährlichem Halbwissen und ohne auf ihre eigene Gesundheit zu achten. Heute macht mich die Läufer Bubble wütend. Mich machen die Ellenbogen wütend, die man bei Wettkämpfen abbekommt, weil einen wieder mal jemand rücksichtslos überholt. Weil irgendwie alle nur noch ihren eigenen Film fahren, es nicht mehr um die Community und das gemeinsame Laufen geht, sondern nur noch um eigene Bestzeiten. Heute macht es mich wütend, das bekannte Läufe so schnell ausgebucht sind und auch immer teurer werden, weil sich viel mehr Menschen etwas zumuten, von dem sie es als persönliche “Herausforderung” sehen. Natürlich ist es unfassbar toll, dass sich in dieser Zeit von KI auch das andere Extrem ausbreitet und immer mehr Menschenn raus gehen und sich fürs Laufen interessieren. Aber hören sie dabei auf ihren Körper? Kennen sie sich wirklich, die Signale, wie lange es dauert das Sehnen und Bänder sich an solche Belastungen anpassen? Nämlich fast doppelt so langsam wie das Herz-Kreislauf System.
Wissen Frauen, welche enorme Belastung das für ihr Hormonsystem ist und das keine Periode zu haben - nicht normal ist. Ich weiß es aus eigener Erfahrung. Und auch das macht mich wütend. Und dann sind da all die kleinen Helden, die posten, dass man keinen Ultra laufen muss, keinen perfekten, dünnen Körper benötigt, und eine 7er Pace völlig normal ist! Ich glaube das viele sich nämlich auch nicht trauen da draußen, sich nicht trauen mit dem Laufen oder Sport anzufangen weil sie sich schämen. Dass sie keine teuren Laufschuhe haben oder in ihren AUgen zu langsam sind. Weil sie irgendwann mal ein blödes Kommentar abbekommen haben. Und selbst ich schäme mich manchmal, welch Ironie. Ich fühle mich nciht wie eine “Läuferin”, manchmal stört es mich, das ich den Sport-BH trage, den ich seit 4 Jahren habe oder meine Shorts nicht fancy oder neu sind.
Dass ich mir immer nur ein paar gute, teure Schuhe leisten kann und es manchmal nicht in meinen Wochenplan past 3-4x zu laufen. UNd manchmal habe ich einfach kein Bock auf Laufen. Und das ist ok. Ich wünsche mir, dass wir uns wegbewegen von Extremen, von Körperidealen und Materialismus - aber ich bin auch nicht befreit davon. Und leider sehe ich im Moment eher die Entwicklung in die andere Richtung. In immer Idealisiertere “Skinny” Bewegungen.. und das macht mich wütend und traurig.
Das sind die Bilder vom letzten Marathon den ich gelaufen bin.
42km - 1100 Höhenmeter - 30 Grad - 4:28 h ->
Ich bin alleine angereist mit meinem großen blauen Wanderrucksack, habe so viele tolle und nette Menschen kennengelernt, die Natur des Harz Nationalparks bestaunt und es hat keiner im Ziel auf mich gewartet. Das liebe ich an “kleineren Trailveranstaltungen”, denn da geht es um uns. Um die Menschen die Laufen, auf der Strecke wird keiner Allein Gelassen. oder zurückgelassen. Obwohl jeder für sich läuft man manchmal kilometerweit niemanden sieht, ist da jemand der nach dir schaut wenn du zweifelst, jemand der dir sein Gel reicht, wenn du keins mehr hast. jemand der ein paar Meter mit dir läuft, wenn du aufgeben willst.
Und ich wollte aufgeben. Mehrmals. die ersten 21 km waren leicht, sie waren der Grund warum ich laufe. Fliegen, atmen, lachen, die Natur spüren. ab Km 27 und mit 30 Grad zweifelte ich. bis Km 32, ein Wechsel aus Steigungen, Gehpausen, Zweifeln, Laufen nur um nach ein paar Metern wieder zu gehen. Dann Km 33, Handy aus weil überhitzt, alleine auf dem Berg und Selbstgespräche mit denen mich jeder für verrückt erklärt hätte. Aber es war der Grund, warum ich da war. Dafür hatte ich trainiert, für die letzten Kilometer. Die Grenze in mir zu überwinden, me against me. Der Glaube an mich, meinen Körper, mein Herz und meine Seele. Ich laufe nie alleine. Ich laufe immer mit meinen Schutzengel, mit meinem verstorbenen Opa, der mich mit jedem Lichtstrahl begleitet und mit Glücksbringern. Ich laufe, um mich von etwas altem zu befreien und meine Seele zu spüren. Alles zu erleben und zu fühlen und in diesem Leben Abenteuer und Erfahrungen zu sammeln, die mich wachsen lassen, die mich lebendig fühlen lassen. Ohne eine bestimmte Leistung zu erreichen.
Und trotzdem ärgerte es mich am Ende, statt überwiegend Freude spürte ich zunächst Enttäuschung im Ziel. Ich wollte schneller sein, stärker. Mehr rausholen. Ich fühlte mich nicht berechtigt, bei den Frauen den 3. Platz zu haben, nicht gut genug. Und das ist eigentlich verdammt traurig. Denn es ist nicht normal, dass mein Körper bei den Temperaturen so etwas schafft. Es ist nicht normal und das müssen und dürfen wir uns immer wieder bewusst werden. Und dann war ich stolz. und glücklich und frei. Es war mein Erlebnis und Abenteuer und ich habe nicht aufgegeben.
Laufen ist ein Privileg und jeder Körper anders. Wenn du laufen möchtest, tu es. Für dich.
Niemanden sonst.





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