Schneemond.
- Stella Wolf
- 13. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
So nannten die alten indigenen Völker den Vollmond im Februar. Oder auch Hungermond. Denn es war eiskalt, dunkel und die Vorräte gingen langsam aus. Der Februar ist auch dieses Jahr kalt und untröstlich. Ein paar sanfte Schneeflocken versuchen Licht und Frieden zu bringen, während wir Menschen so müde von der Dunkelheit und den kurzen Tagen sind. Unsere Herzen sehne sich nach Wärme und Licht. Wir hungern, nach Sonne.

Auch ich. Der Vollmond der in den letzten Tagen eine unruhige und chaotische Energie mit sich bringt, bringt Themen in uns zum Vorschein, die wir entweder für bereits geheilt hielten oder löst alte Traumata wieder aus. Hoffnungslosigkeit und Steifheit im eigenen Körper, Enge in der Brust, wenn es kalt wird zieht sich alles in uns zusammen. Und in dieser Enge des Körpers türmen sich gerade Wellen an Emotionen. Wie die Wellen im Ozean türmen sich sich in mir auf, bis sie brechen. Doch anstatt sie durch mich durchrauschen zu lassen und ihnen somit ihre Freiheit zu geben, halte ich die Wellen, machtlos sie zu kontrollieren. Dabei sind Emotionen, Schmerz, Dunkelheit, Freude und Leichtigkeit genauso zyklisch wie das Ab- und Zunehmen des Mondes. Der Wintermond, der Schneemond. Er erinnert mich daran, das auch das ein Ende hat, dass es wieder bessere Zeiten geben wird. Das Leben wird immer weitergehen, was auch passieren mag. Wie die Jahreszeiten sich gerade auf ihren Wechsel vorbereiten, sich nochmal nach Innen ausrichten und alle Kräfte sammeln, so darf auch in mir nochmal ganz viel Dunkelheit und Schmerz berührt werden, eher noch mich berühren. Wut kann Klarheit und Kraft schenken, wenn wir und ich ihr Ausdruck verleihe. Und das Paradoxe an Angst ist, dass auch sie sich verwandeln lässt, wenn sie akzeptiert wird. Wie oft rede ich von Annehmen und loslassen, wie ironisch, dass auch das mich immer wieder aus der Bahn wirft. Wie ich erst auf dem Boden der Wirklichkeit landen muss, um zu erkennen, wo ich falsch abgebogen bin. Hungermond? Wonach hungere ich wirklich, wonach hungerst du in dieser dunklen Jahreszeit? Was nährt mich, was entzieht mir Nahrung? Wir haben so viele Ebenen von Hunger. Emotional, der Hunger nach Berührung, körperlicher Wärme und Nähe, nach Kreativem Ausdruck, danach gesehen und wertgeschätzt zu werden. Und wir alle haben uns unsere eigenen Schutzstrategien antrainiert über Jahre. Die Strategien die uns "nicht fühlen" lassen, uns betäuben, berauschen. Sei es Sport, der nächste Adrenalin Kick, die Flucht in die Spiritualität und Abspaltung der Realität, die Flucht in Bücher, die Arbeit, Drogen, Essen. Wir alle wissen, das wir hungern, jeder trägt 2 hungrige Wölfe in sich. Vor Jahren ist mir die Parabel der 2 Wölfe begegnet: Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer: „Weißt du, in deinem Leben wird dir vieles widerfahren sowie auch mir vieles widerfahren ist. Manchmal fühlt es sich an, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen gegeneinander kämpfen würden.
Der eine Wolf ist der schwarze Wolf der Dunkelheit, der Ängste, des Misstrauens und der Verzweiflung. Er bringt dir böse Träume, viel Leid und Schmerz. Der andere Wolf ist der weiße Wolf der Lebensfreude, der Hoffnung und der Liebe. Er bringt dir die guten Träume, schenkt dir Mut und Hoffnung, er zeigt dir den Weg und gibt dir weisen Rat. Diese beiden werden die Zähne fletschen, sich umkreisen, sich an die Kehle gehen bis einer kraftlos zu Boden sinkt.“ Dann schwieg der Alte wieder.
Der Junge fragte voller Ungeduld: „Erzähl weiter Großvater…welcher Wolf wird den Kampf um das Herz gewinnen?“
Der Alte lächelte und sagte: “Der Wolf, der am häufigsten gefüttert wird. Darum lebe achtsam und lerne beide Wölfe gut kennen. Und dann wähle jeden Tag von Neuem, welchen Wolf du füttern möchtest.“
Mittlerweile habe ich gelernt, wie wichtig es ist beide Wölfe zu füttern und ihn beiden Aufmerksamkeit zu schenken, denn wenn ich immer nur den weißen Wolf füttere, hungere ich den schwarzen aus, bis er so verbittert und gefährlich ist, dass er in einem schwachen Moment angreift, ausgehungert und alles mit sich reißt uns isst, was tief in mir verborgen lag. Beide Wölfe sind letztlich gut. Wir brauchen Schmerz, ebenso wie Freude. Unser Herz existiert immer in Co-Kreation mit Licht und Schatten. Und wenn wir mal wieder an einem Punkt sind, indem der schwarze Wolf gewonnen hat, lass es zu. Nähre ihn, die Emotionen, gib der Dunkelheit Raum und Zeit, nur dann kann sie gehen.
Das Paradoxe daran ist, dass wir uns in genau solchen Momenten und Tagen, isolieren. Uns in der Höhle der Melancholie verstecken und die Menschen von uns stoßen, die Licht bringen wollen, die uns nähren wollen. Und aus ihrer eigenen Unsicherheit und ihren eigenen Zweifeln, ziehen sie sich selbst auch zurück. Unklar wie sie mit uns umgehen sollen.
Wir fühlen uns abgelehnt, bestätigt in dem was der schwarze Wolf uns zu vermitteln versucht. Aber sei achtsam mit den Menschen die dir was bedeuten, in den seltensten Fällen werden sie um Hilfe bitten können, wenn es ihnen schlecht geht. Aus Angst vor noch mehr Ablehnung und Unverständnis Aber gib sie nicht auf, zieh dich nicht selbst zurück, sei da. Ohne Worte, ruf sie an, schreib ihnen, denk an sie, nähre sie so gut du kannst, ohne dich selbst zu verlieren. Wenn wir ein Teil in ihnen heilen können dadurch, heilen wir auch einen Teil in uns. Die Körper von Menschen die auf eine der vielen Ebenen hungern, sind oft verspannt, gepanzert. Berührungen und Wärme, sind das nonverbalste, einfachste und nährendste für sie. Für Mich. Für dich. Wenn wir Babys körperliche Nähre verwehren, sterben sie. Wenn wir Menschen körperliche Nähe entziehen, versteinern sie. Breite deine Arme aus♥
Schneemond. Eismond. Hungermond.
Februar so dunkel und tief in uns wohnt
Unter gefrorener Erde unsichtbar
Die ersten Knospen den Weg sich bahnen,
Schneeglöckchen bereits den Weg verzieren
Dürfen wir uns selbst nicht verlieren
Wir können es erahnen,
Das kalte Herz tapfer weiterschlägt
Bis der Frühling kommt,
Der Sommer säet,
Im Licht des Mondes wird mir klar,
was nie verloren und immer war
Ich bin da.♥
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